Mobility und die hohe Kunst der Mobilität – Interview mit Patrick Eigenmann

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Das Schweizer Carsharing-Unternehmen Mobility hat schon vor zwanzig Jahren auf den Grundgedanken «nutzen statt besitzen» gesetzt. Digitalisierung, Convenience und ein verändertes Statusdenken haben diese Geschäftsidee ins Rollen gebracht – Mobility hat sie mit innovativen Angeboten und unternehmerischer Weitsicht erfolgreich verwertet. Warum sich die Schweizer Genossenschaft als Marktführerin behauptet und wie Carsharing in Zukunft aussieht, erläutert der Kommunikationsverantwortliche Patrick Eigenmann.

Mobility ist Vorreiterin im Carsharing. Wie ist die Idee für Ihr Geschäftsmodell entstanden?

Ende der 1980er-Jahre entstanden zwei Unternehmen mit derselben Geschäftsidee: die nidwaldnische ATG AutoTeilet mit acht Personen und einem roten Auto und die ShareCom in Zürich. 1997 fusionierten die beiden Carsharing-Anbieter zur Mobility Genossenschaft.

Wir waren schon immer eine Genossenschaft. So denken und handeln wir zwar ökonomisch, sind aber nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Unsere Überschüsse kommen unseren Kunden in Form von fairen Preisen und innovativen Angeboten zugute.

Welche Faktoren waren damals treibend für das Entstehen des Leitgedankens «nutzen statt besitzen»?

Ein Privatauto steht in der Schweiz durchschnittlich 23 von 24 Stunden am Tag still. Darin haben die Gründer enormes Potenzial erkannt: Wieso nicht teilen statt nutzlos herumstehen lassen? In den Anfängen hatte diese Denke einen klar umweltpolitischen Hintergrund. Das ist heute nicht mehr so. Zwar ist der schonende Umgang mit der Umwelt für unsere Kunden weiterhin ein willkommener Nebeneffekt, doch sind Einfachheit, Convenience und Sparmöglichkeiten die hauptsächlichen Gründe für Carsharer.

Welche Trends treiben das Geschäft heute an?

Erstens die Share Economy, die in allen Bereichen wächst und dank der sich die Menschen immer mehr teilen, angefangen von Wohnungen über Werkzeuge bis hin zu Autos. Zweitens die Verknappung des städtischen Raums und akzentuierte Verkehrsprobleme. Dadurch kommen Mobilitätslösungen wie Mobility automatisch ins Spiel. Und drittens ist Carsharing nicht nur für Privatpersonen interessant: Immer mehr Firmen nutzen den Mehrwert des Teilens. Denn auch für sie sind Kosten und Nachhaltigkeit Schlüsselthemen. Darum ziehen sie Mobility-Autos einer firmeneigenen Flotte vor oder rüsten Firmenfahrzeuge mit unserer Carsharing-Technologie aus. Firmenkunden machen einen Viertel unseres Umsatzes aus.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihrem Geschäftsmodell?

Klar die Hauptrolle. In unseren Anfängen deponierten wir die Autoschlüssel für Mobility-Fahrzeuge in speziellen Schlüsselkästen. Die Kunden mussten ihre Fahrten von Hand in ein Logbuch eintragen.

Mit der Digitalisierung haben wir unser Geschäft massentauglich gemacht und Breitenwachstum ermöglicht. Chipkarten und Bordcomputer ersetzen die Autoschlüssel, 94% aller Reservationen werden heute online und über unsere App abgeschlossen. Zudem haben wir unsere eigene Carsharing-Technologie entwickelt, die wir laufend optimieren und in ausländische Märkte verkaufen.

Wie sieht Ihr Konkurrenzumfeld aus – im Inland und im Ausland? Könnten neue Konkurrenten aus anderen Branchen in Ihren Markt eindringen?

In der Schweiz sind wir die einzige flächendeckende Carsharing-Anbieterin. Das Privatauto bleibt unsere grösste Konkurrenz, an dem wir unsere Leistungen und Preise messen. Auf internationaler Ebene haben inzwischen die meisten Autokonzerne Projekte mit gleichen oder ähnlichen Geschäftsideen ins Leben gerufen, da sie das Potenzial dieses Markts erkannt haben. Allerdings hat noch niemand den Schritt in die Schweiz gewagt.

Das hat sicherlich mit unserer starken Position zu tun. So bieten wir ein engmaschiges Standortnetz in der ganzen Schweiz, Kundennähe und zielgruppengerechte Innovationen, die gerade in Ballungszentren hervorragend ankommen. Unsere zahlreichen Kooperationen mit ÖV-Partnern stärken unsere Marktführerschaft zusätzlich.

Und Anbieter wie Uber?

Solche Anbieter sehen wir nicht als direkte Konkurrenz. Bisher konnten diese kein Substitutionsprodukt für das Privatauto bieten. Unsere Kunden erledigen mit ihrem Mobility-Fahrzeug nämlich alltagsnahe Dienstleistungen wie Einkaufen oder Zügeln. Zudem ist die Bedeutung von Angeboten wie Sharoo noch marginal. Natürlich verfolgen wir alle Marktentwicklungen mit Argusaugen.

Was bietet Ihr Unternehmen den jungen, mobilen Zielgruppen (18–35)? Wie sprechen Sie diese an?

Der Anteil junger Kunden wächst im Vergleich zu allen anderen Kundengruppen überproportional. Das hat vielfältige Gründe: Erstens holen wir sie mit gezielten Angeboten ab, etwa mit Carsharing für Lernfahrer oder Studierende. Zweites hat bei jungen Menschen das Auto seinen Nimbus als Statussymbol verloren. Und drittens ist Ko-Konsum für die Jungen ganz normal. Sie nutzen «services on demand», wollen also selber bestimmen, wann sie was in welcher Form konsumieren. Carsharing nimmt dieses Bedürfnis seit jeher auf.

Welche innovativen Formen des Carsharings existieren heute?

2014 haben wir Catch a Car aus der Taufe gehoben. Mit diesem Stadtangebot decken wir das sogenannte free floating in urbanen Ballungszentren ab. Mit Catch a Car kann der Kunde von A nach B fahren und das Auto irgendwo in der Grossraumzone auf einem blauen Parkplatz abstellen. Derzeit geht ein zweijähriger Pilotversuch in Basel zu Ende, den die ETH für uns begleitet hat. Die Resultate überzeugen: Catch a Car reduziert wie Mobility den Verkehr und fördert den ÖV. Bei Mobility ersetzt jedes Auto zehn Privatfahrzeuge; bei Catch a Car sind es zirka vier. Heute nutzen über 5000 Personen Catch a Car, jede zweite ist gleichzeitig Mobility-Nutzerin. Wir wollen Catch a Car schon bald auch in anderen Städten ausrollen.

Eine neue Carsharing-Form befindet sich zurzeit in der Testphase: Wir nennen sie Mobility-One-Way und ermöglichen damit längere Strecken von Mobility-Standort zu Mobility-Standort. Auch hier muss der Kunde das Fahrzeug nicht an dessen Startparkplatz zurückbringen. Aktuell prüfen wir die gefragtesten Strecken und die Preissensibilität der Kunden. Bis Ende Jahr werden fünf Fahrzeuge für Mobility-One-Way unterwegs sein.

Sind Mitfahrgelegenheiten für Sie ein Thema?

Zurzeit haben wir keinen Appetit auf diesen Markt. Dagegen haben wir uns finanziell am Unternehmen Sharoo beteiligt. Bei diesem Modell stellen Private ihre Fahrzeuge zur Verfügung und bestimmen Preis und verfügbare Zeit selber.

Könnte eine veränderte Rechtslage – etwa im Bereich Datenschutz – Ihr Geschäftsmodell beeinflussen?

Nein, das glaube ich nicht, denn wir erheben keine Geodaten. Wir wissen also nicht, wann und wo unsere Autos unterwegs sind. Wir kennen nur die Reservationsdauer und die Anzahl gefahrener Kilometer, damit wir die Fahrten verrechnen können. Diese Daten sind aus Sicht des Datenschutzes unproblematisch.

Wie sieht Carsharing in 10 bis 20 Jahren aus?

Der Markt wird sich noch stärker diversifizieren und weiter wachsen. Schliesslich wollen die Menschen auch in Zukunft Geld und Zeit sparen. Zudem begünstigen die Grenzen des Individualverkehrs und des öffentlichen Personenverkehrs Alternativen wie Carsharing.

Diese Entwicklungen treiben die kombinierte Mobilität voran: Für eine Strecke wird man zukünftig verschiedene Verkehrsmittel wie Carsharing, Tram, Zug oder Velo miteinander kombinieren. Apps unterbreiten mir dabei in Echtzeit Vorschläge, wie ich mein Ziel am schnellsten, direktesten oder umweltfreundlichsten erreiche.

Die ultimative Chance für Carsharing bieten selbstfahrende Autos. Solche sind spätestens in 20 Jahren strassentauglich. Sie werden den Individualverkehr revolutionieren und das Teilen von Autos in eine neue Dimension bringen. Mobility entwickelt bereits erste Ansätze, um in diesem Bereich eine Schlüsselrolle zu spielen.

Welche Erfahrungen aus Ihrem Geschäftsmodell können Sie Unternehmen aus anderen Branchen mitgeben?

Wir wissen, dass wir unsere Produkte laufend weiterentwickeln und in Innovationen investieren müssen. Dabei gehen wir evolutionär vor. Für diese stetige Erneuerungskraft braucht es unternehmerische Weitsicht. Persönlich erlebe ich Mobility als äusserst zukunftsgerichtetes Unternehmen.

Zu unseren wichtigsten Erfolgsfaktoren gehören Kooperationen. Diese gaben uns gerade in unseren Anfängen die nötige Breite und machen uns stark. Zum Beispiel unterhalten wir Partnerschaften mit den SBB, diversen Regionalverbünden, Mietautofirmen und mit der Migros. Solche Synergien sind äusserst wertvoll und wertsteigernd.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist unsere Kundennähe, emotional wie geografisch. Wir nehmen unsere Kunden ernst und bieten ihnen schnelle, bedürfnisgerechte Dienstleistungen. Kundenzufriedenheit steht ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Darum pflegen wir Werte, die uns seit Jahrzehnten auszeichnen: Freundlichkeit, Respekt, Offenheit und Flexibilität. Die Wünsche und Feedbacks unserer Kunden helfen mit, Mobility auf Erfolgskurs zu halten.

Mobility Genossenschaft

Mobility ist die grösste Carsharing-Anbieterin der Schweiz: 127’300 Kunden nutzen 2’900 Fahrzeuge an 1’460 Standorten. Dank modernsten Technologien funktioniert das Carsharing-Modell von Mobility einfach, preiswert, rund um die Uhr und im Selbstbedienungsmodus. Mobility weist für das Jahr 2015 einen konsolidierten Umsatz von CHF 74,1 Mio. und einen Jahresgewinn von CHF 3,7 Mio. aus.

Patrick Eigenmann

Patrick Eigenmann zeichnet knappe vier Jahre für den Bereich Kommunikation & Medien bei der Mobility Genossenschaft verantwortlich. In dieser Funktion ist er für die gesamte Kommunikation mit Kunden und für Kooperationspartnerschaften verantwortlich. Nach seinem Studium der Wirtschaftskommunikation war der 35-jährige Betriebsökonom einige Jahre beim Schweizer Markenartikelverband Promarca tätig.

 

Ihr Ansprechpartner

Olivier Kofler
Experience Center Director
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Olivier Kofler

Olivier Kofler

Head of Digital Innovation and Platforms
PwC’s Experience Center
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Olivier Kofler is a true digital native with a profound understanding of modern digital platforms and business models. He helps clients find the right business model for the digital age, and has built more than 100 online platforms on their behalf.

He has also founded digital start-ups of his own. iBROWS AG is a web agency for innovative and complex business applications established in 2006 and acquired by PwC Switzerland ten years later. Bexio AG is Switzerland’s leading provider of cloud-based business and accounting software for small businesses.

Olivier is a business IT expert with federal credentials and an EMBA in new business development and digital transformation. In addition to sitting on the panels for the Swiss Web and App awards, he has also won major recognition for his own endeavours, including the 2012 Telekom Innovationspreis, several Best of Swiss Web awards, and top rankings for the best software start-up in 2016 (1st) and 2017 (4th).